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letzte Aktualisierung: 22.02.2008

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"Paradies"

 

Roman

 

Prolog

Lasst mich in Ruh´! Es hörte sich an, als hätte eine Frau geschrieen. Doch diese Stimme war die vom Paul Schuster, auch Zement-Schuster genannt. Zu seinen Eigenheiten gehörte, mit tiefer Stimme Stärke hervorzukehren. Wenn er von Ärger und Grimm überwältigt wurde, vergaß er darauf. Dann verkrampften sich seine Stimmbänder, dann hob ein Kreischen an und brach abrupt ab, mit einem Knall. Die Zimmertür schlug zu. So auch an diesem Morgen - für eine Weile rührte sich nichts, bis das Klopfen zu hören war, das Schlagen der Schreibmaschinentypen auf die Welle seiner Breitwagen-Rheinmetall. Er schlug mit den Tasten die Buchstaben aufs Papier, als wollte er der Maschine beibringen: So und nicht anders!

Seine Frau, die zweite in seinem Leben, inzwischen die einzige Person in seiner Nähe, war nach Schrei und Türknall in die Küche geflohen. Sie hatte ihn gefragt, vorsichtig, was er zum Frühstück haben möchte. Ob einfache Mehlsuppe, die ihm am liebsten war, oder vielleicht ein Ei? Sie wusste: Wenn er früh zeitig aufsteht und ohne zu frühstücken die schwere Maschine auf den Tisch stellt, ist mit ihm schwer auszukommen. Dann hämmert er all das, was ihn in der Nacht nicht schlafen ließ, in die Maschine.

.....

Dann war es soweit: Der Tag ihrer Umsiedlung ins Paradies. 

An diesem Tag hing er, wie so oft in seinem Leben, mit dem Ohr am Telefunken-Radioapparat, suchte und horchte alle Sender ab, nach Meldungen von der veränderten Lage in Prag. Er hielt die Unruhen in Prag für unüberlegt. Die Russen greifen ein, lassen sich nichts vormachen, von wegen Sozialismus auf menschliche Art ... Ihr König hatte keine Zeit, nach ihr zu schauen. Er klebte mit dem Ohr am vibrierenden Textil des Telefunken. Die Sender wurden gestört. Er versuchte aus einzelnen Worten den Fortgang der Dinge herauszuhören. 

So durfte sie sich umschauen, in aller Ruhe, aus den Fenstern des oberen Stockwerkes, zuerst zur Morgen-, dann zur Mittagsseite. Sie öffnete das eine, dann ein weiteres Fenster, atmete die Kiefernluft und ließ ihre Blicke schweifen. Das also war es – das Paradies. 

 

 

 

"Woko Wille"
5. bis 8. Schuljahr

Die erste Stunde in der Schule: In die Erklärung der Lehrerin schrillte die Klingel. Die Stühle mit den eisernen Beinen krachten gegeneinander. Jeder hatte auf einmal etwas zu sagen, und weil keiner zuhörte, schrie jeder den anderen an, um gehört zu werden. Und so wurde es immer lauter. Geduckt saß er am Tisch, sein Haar floss ihm in den Nacken. Die dunkelbraunen Pupillen wanderten hin und her. Hätte ihn jemand beobachtet, dann hätte er gesehen, wie er nach einer Gelegenheit suchte, um zu fliehen.

...

Nur der Kleinste in der Klasse sprach ihn an: „Heul´ nicht!“ sagte der Kleine zu dem Großen. „Das ist manchmal so. Hast du Durst. Ich weiß, wo es etwas gibt. Da musst du Geld hinein stecken. Hast du Geld? Ich habe Geld.“ Der Kleine zeigte ihm. „Hier, das ist Geld – sieht aus wie Gold. Dafür bekommst du alles, was du haben willst.“

...

Irina hatte sich, anfangs unbemerkt, nach dem Großen umgeschaut. Beim Suchen ihres Radiergummis, der ihr vom Tisch gehüpft war, tauchte sie mitten in der Stunde vor seinem Tischrand auf. Sie sah sein Gesicht - dicht vor ihrem. Seine Augen schauten zu ihr, und ihr war, als wollten sie sagen: Siehst du - mich will niemand, und du? Sie nickte. In diesem Moment rief die Lehrerin: „Irina – setzt dich wieder!“

...

Einen Freund wollte er haben, dann wäre es leichter zu ertragen. Gerade da kommt einer auf ihn zu und fragt: „Willst du mein Freund werden?“ Noch weiß Woko Wille nicht, dass die Menschen oft das Gegenteil von dem Gesagten im Sinn haben. 

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"Der furchtlose Jan"
  Märchen

Zum Abend kam Jan am anderen Ende des Waldes heraus und erblickte in der Abendsonne ein prächtiges Schloss. Wie er näher trat und um das Schloss herumging, sah er: Es war unbewohnt.

Gegenüber dem Schloss standen die Hütten der armen Leute. In einer Hütte wohnte der Schlossherr. Der klagte Jan seine Not:

»Im Schloss treibt ein böser Geist sein Spiel. Wer dort übernachtet, erleidet vor Angst den Tod! «

Jan freute sich darüber und fragte, ob er nicht im Schloss übernachten dürfe.

Der Schlossherr staunte. So viel Mut hatte er dem Jungen nicht zugetraut. »Hast du keine Angst?« fragte er.

»Ich weiß nicht, was Angst ist«, antwortete Jan.

Da lachte der Schlossherr und dachte sich seins. Zu Jan aber meinte er: »Wenn du diese Nacht lebend überstehst, bekommst du meine Tochter zur Frau und darfst im Schloss wohnen.«

»Gut« sagte Jan, »dann gebt mir die Schlüssel, dazu eine Pfeife mit Tabak und einen großen Krug Bier!«

Das bekam Jan, und er betrat das Schloss und setzte sich ins größte Zimmer an einen großen Tisch. Hin und wieder trank er aus dem Krug und rauchte Pfeife. Dabei redete er vor sich her:

. »Zum Wohle Jan ‑ Prost Jan! Hast du Angst Jan? Warum soll ich Angst haben, mir tut doch niemand etwas!«

Und er zündete fünf Kerzen an und stellte sie auf den Tisch. Er hatte noch nicht lange gesessen, da fiel eine Menschenhand von der Decke und löschte eine Kerze aus. Jan wischte die Hand vom Tisch und zündete die Kerze an. Dann trank er sein Bier, paffte die Pfeife und sprach wieder seinen Spruch.

»Hast du Angst, Jan? Warum soll ich Angst haben, es tut mir doch niemand etwas.«

Da fiel wieder eine Hand herunter und löschte zwei Kerzen aus. Jan wischte sie vom Tisch und zündete die Kerzen wieder an. Dabei murmelte er:

»Zum Wohle Jan ‑ Prost Jan! Hast du Angst Jan? Warum soll ich Angst haben, es tut mir doch niemand etwas! «

Da fiel ein Bein herunter und löschte vier Kerzen aus. Jan warf das Bein zur Seite, zündete die Kerzen wieder an und sprach vor sich her:

»Zum Wohle Jan ‑ Prost Jan! Hast du Angst Jan? Warum soll ich Angst haben, es tut mir doch niemand etwas! «

Wie er das eben gesagt hatte, begann der Wind an den Fenstern zu rütteln. Die Vorhänge hoben sich, und aus den Nischen und Wänden traten junge Leute und eine ganze Kapelle fröhlicher Musikanten. Ein Mädchen wollte, dass Jan mit ihr tanze. Sie hatte einen grünen Rock, ein schwarzes Mieder und die Spitzenhaube einer Brautjungfer. Wie ihr Jan genauer ins Gesicht schaute, sah er, dass sie lachte. Aber sie hatte keine Lippen, keine Wangen, keine Nase. Er sah nur ihre Knochen und sagte deshalb:

» Jan kann nicht tanzen, Jan wird nicht tanzen. «

Die Musikanten rückten näher, spielten ihm auf mit ihren kno­chigen Fingern und baten, er solle doch tanzen. Aber Jan blieb sitzen und sagte:

» Jan kann nicht tanzen, Jan will nicht tanzen. «

Mit einem Mal schlug es zwölf, und alle Paare und Musikanten verschwanden in den Nischen und Wänden, und es wurde ganz still. Die Kerzen brannten, und Jan horchte und hörte, wie es im Schornstein hustete, dann begann es zu pfeifen und zu heulen. Jan nahm eine Kerze und schaute nach. Im Schornstein steckte ein Mensch. Den zog er heraus. Der Mensch war vom vielen Rauch im Schornstein ganz schwarz geworden. Wie ihn Jan aufstellte, sah er, dass es nur ein halber Mensch war. »Schade«, meinte Jan, »wenn's zwei Hälften wären, wäre ich nicht mehr allein.«

Wieder hustete und heulte es im Schornstein, und Jan schaute wieder nach und zog eine zweite Hälfte Mensch heraus. »Gut so«, sagte Jan und stellte die Hälften zusammen, und vor ihm stand ein Mensch, schwarz vom Ruß, nur die Zähne waren weiß geblieben. Der Mensch fing an zu sprechen: »Ich bin der Geist, der keine Ruhe findet. Nun hast du mich erlöst, und alles, was du siehst, das Schloss und das Geld darin, schenke ich dir. Der alte Schlossherr hat Angst, der soll in der Hütte wohnen! Der neue Herr bist du, ab morgen früh halb fünf.«

Als der Geräucherte zu Ende geredet hatte, verschwand er im Schornstein. Es kratzte und hustete, dann hob wieder ein Heulen

an, und mit einem erlösenden Seufzer entschwand er in die Nacht.

Als Jan früh halb fünf aus dem Schloss trat, wunderte er sich: Er war auf einmal wie ein Graf gekleidet, brauchte nur in die Hände zu klatschen, und schon waren zwei Kutschen da, mit zwei Paar Pferden und zwei Kutschern. Jan wollte nun wissen, ob er die Tochter des alten Schlossherrn zur Frau bekäme. Die eine Kutsche schickte er nach ihr. Es dauerte nicht lange, da stand ein Mädchen vor ihm im Hochzeitskleid, mit klaren Augen und einem lieblichen Gesicht.

Mit der anderen Kutsche ließ er seine Mutter holen. Als sie ein­traf, erzählte er ihr, wie er zu seiner Braut gekommen war. Die Mutter sah, dass es kein dummes Zeug war, was er redete. Doch mit Schrecken dachte sie daran, dass ihr Sohn noch immer nicht wusste, was Angst ist, und um so mehr fürchtete sie um ihn.

Am Hochzeitstag kam es nach altem Brauch zum Schüssel­heben. Zwei Schüsseln liegen umgekippt auf dem Tisch, unter einer ist ein Butterschäfchen, unter der anderen ein lebendiges Tier. Wer die Schüsseln hebt, bekommt entweder das Butterschäfchen zu sehen, oder es springt ein Tier heraus. Das bringt alle zum Lachen.

Jan war als erster dran. Er hob die Schüssel an und versuchte zu erkennen, was sich darunter verbarg. Da schwirrte ein Sperling hervor. Vor Schreck ließ er die Schüssel fallen.

»Oh«, rief er, »wie bin ich doch erschrocken!«

Der Mutter fiel ein Stein vom Herzen: »Endlich hat er begriffen, was Angst ist!«

Jan hatte wirklich Angst. Er traute sich nicht, die nächste Schüssel zu heben.

Das tat für ihn seine Braut. Sie hob das Butterschäfchen frei, und das bedeutet Glück.

Glücklich lebten sie miteinander im Schloss, die Mutter, Jan, seine Frau. Wer weiß, wie viel Kinder sie hatten.

Doch jedes Leben, und sei es noch so schön, geht einmal zu Ende, wie dieses Märchen auch.

 

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"Ditko oder das Licht an der Grenze"
ab 8. Schuljahr

Ein Krimi - genauer eine Schleusergeschichte, ganz anders.

In der Bahnunterführung erkenne ich Menschen, blass ihre Gesichter und Angst in den Augen. Sie wissen nicht wohin... Ich stehe da und frage: Was soll ich tun?

Die Antwort darauf gibt die Geschichte vom "Ditko", die ich erlebt und aufgeschrieben habe.

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"Kroaten, Serben, Bosnier"

„Die Mutter“, S. 53:

„Niemand soll glauben, es gäbe gute oder böse Kugeln. Jeder soll wissen und sich nicht wundern: Wenn geschossen wird, dann geht es darum, um Menschen umzubringen. Das ist das Unmenschliche an jedem Krieg. Das war damals so und ist auch heute nicht anders. Wenn heute gesagt wird, die Partisanen seien schlimm gewesen, sie hätten nur vom Terreor gelebt, dann sollte man zuvor sagen: Der Krieg, jeder Krieg ist schlimm, und jeder Krieg ist Terror. Die Partisanen haben ihn nicht erfunden, auch nicht begonnen. Sie wären viel lieber zu Hause in den warmen Stuben geblieben.“

 

„Der Schneidermeister-Bücherleser von Sarajevo“, S. 172:

„Dass dieser Weg in die Katastrophe führt, durfte man nicht offen aussprechen, und auch heute noch muss man schweigen, obwohl es doch nun jeder sieht: Nichts hat die Teilung gebracht – nur Elend. Es war doch von Anfang an klar, dass wir um hundert Jahre zurückfallen. Heute wird so getan, von offizieller Seite, als würde das Land wie nach einem Gewitter in prächtigen Farben auferstehen. Wir müssen uns nur mit dem Westen verbinden. Dann wird das Geld fließen und uns den Wohlstand bringen.“

 

Letzter Absatz des Buches. S. 272:

„Der Mai bei Visegrad an der Drina ähnelt dem am Rhein oder im Elbtal oder in Grubschütz an der Spree. Es blühen da wie dort die Obstbäume, ..., mit einem Unterschied: Hier blühen sie vor den Skeletten der ausgeraubten Häuser. Die Menschen, die hier lebten, scheinen in Gestalt dieser Bäume zuückgeblieben zu sein – als stumme Zeugen eines für die Nachwelt unfassbaren Geschehens. Unfassbar? Das schon, aber nicht unerklärbar.“  

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